Weihnachten – Pos. 13° 05,507′ N / 59° 36,844′ W – WIR sind DRÜBEN !!!
Hallo Ihr getreuen Verfolger unserer Reise,
der erste Landfall nach 22 Blauseetagen am Stück in Barbados zu Heilig Abend gibt uns die Gelegenheit, einmal über das “Warum” und “Wozu” dieser Reise nachzudenken. Jeder von uns vieren hat sich für sich auf seiner Wache einige Bemerkungen dafür notiert und wird seine persönlichen Beweggründe erläutern:
KARIN:
“Wenn Du das Glück nicht im Herzen trägst, dann wirst Du es hier nicht finden.”
Dieser Satz stammt von dem Kinderbuchautor Janosch, der auf Lanzarote lebt und er trifft auch auf unseren Atlantik-Törn zu. Ich habe sehr viel Glück empfunden auf unserer Reise und daraus ist Dankbarkeit entstanden:
Ich danke dem Ozean, Wind und Wetter, die uns vor Schlimmerem verschont haben und uns mit ihrer Urgewalt und Schönheit immer wieder auf’s neue beeindrucken konnten.
Ich danke der Merry-Mary für Ihre Zuverlässigkeit und Ihre Wohlfühlatmosphäre, in der vier Menschen auf kleinstem Raum gut miteinander leben konnten.
Und ich danke der Crew: dem Kapitän Ernst, der ohne Zögern und Zaudern jeder Unbill begegnet ist und nie Unsicherheit aufkommen ließ,
Jochen mit seiner unerschütterlichen Ruhe und Ausgeglichenheit,
Fenja, die mir eine liebste Freundin geworden ist
und last not least den Delphinen (speziell “Querschläger”), die uns begleiteten.
FENJA:
Nach dieser Reise bin ich mir jetzt sicher:
permanent auf dem Meer zu leben ist für mich eines der erstrebenswertesten Ziele überhaupt.
Die “Landschaft” wird nie langweilig, die Geräusche der Wellen nie monoton und die ständige Bewegung nicht nervig. Der Kopf ist frei und nichts lädt derart zum Tagträumen ein und nirgends kann ich besser schlafen als in dieser unendlich blauen Wiege. Nach vier Wochen Salzwasser rieche ich besser denn je und es ist fühlbar, dass alles Leben seinen Ursprung im Ozean hat. Hier ist man den Naturkräften nicht nur nahe, sondern mitten drin.
Ich lese grade ein Buch von Helge Timmerberg und da sagen die Derwische: “Die Kraft ist das Leben. Und wenn sie mitbekommt, dass Du sie erzwingen oder bezwingen willst, anstatt sie fließen zu lassen, dann entzieht sie sich Dir oder reißt Dich in 1000 Stücke.” Hier kann ich verstehen, was die Derwische meinen.
“Unser” Vorschiff zu räumen ist für mich ein kleines bisschen eine persönliche Härte, an Staus auf Autobahnen oder Menschenmassen auf Flughäfen darf ich überhaupt nicht denken.
Aber ich vermisse Klaus und die Tiere und in Anbetracht der Tatsache, dass ich nur noch drei Zigaretten und einen Teebeutel Mate habe, ist der Landgang dann doch nicht soooo schlimm…
JOCHEN:
Liebe Siegrid – liebe Familie – liebe Freunde,
Eure rege Teilnahme im www an unserem Törn hat uns geholfen und gefreut. Auf viele gestellten Fragen, warum der Jochen zu so einer “Unzeit” und so lange seine Familie allein lässt, und das noch in einer gemischten Crew mit einer (fast) unbekannten Karin – hier meine Antwort:
Mit dieser Atlantik-Überquerung habe ich mir einen lange gehegten Traum von einem Blauwasser-Törn fern von allen Küsten erfüllt.
Die Familie und Siegrid, auch wenn es ihr zu dieser Zeit aus anderen Gründen sehr schwer fiel, haben zugestimmt. Da ich den Skipper, seine Familie und das Boot schon kannte, war das Restrisiko eine Fehlentscheidung zu treffen, gering. Dabei war mir immer bewusst, dass wir unterwegs mit einigen unvorhersehbaren Ereignissen fertig werden müssen und mussten!
Ich habe also ein riesiges Weihnachtsgeschenk von mehreren Seiten erhalten, das ich zu schätzen weiß. Ich habe diesen lehr- und erfahrungsreichen Törn in dieser Mannschaft besonders während der sternenreichen Nachtwache genossen. Das muss man als Hobby-Segler einmal erleben !
Ich nehme an, dass Ernst mit meinen seglerischen Unzulänglichkeiten klar kommt ?! Die von ihm geforderte Perfektion auf seinem Boot ist halt noch nicht erreicht.
ERNST:
Als Initiator dieser Reise weichen meine Beweggründe wahrscheinlich von denen der Crew ab. Sie sind für Menschen, die das Meer mögen, verständlicher, als für diejenigen, die hauptsächlich Gefahren darin sehen. Ich kann das gut verstehen, da ich gleichermaßen die Liebe zu den Bergen oder das erhabene Gefühl eine Bergspitze erreicht zu haben, auch nicht mitfühlen kann.
Wasser oder grade das Meer ist für mich ständige Veränderung. Veränderung der Wellenbewegung, Windrichtung, Wettergeschehen als Ausdruck der Natur machen direkte Reaktionen notwendig. Je intensiver das Verhältnis von Naturaktion und Menschenreaktion, je intensiver ist das Leben in und mit der Natur. Manchmal harmonisch, manchmal disharmonisch, aber immer verbunden. Diese Verbundenheit wird auf See, wo kein schützender Hafen in der Nähe ist, zwangsläufig größer, da man sich der Situation so oder so stellen muss. Je mehr man sich diesem Verhältnis stellt, je besser man damit umgehen kann, je mehr Spaß hat man daran.
Wenn Du z.B. mit vollgepusteten Segeln in einen surrealistischem Sonnenuntergang hineinfährst, die Wellen den Achtersteven anheben und dann mit Donnergetöse unter dem Schiff durchgehen, dann bist Du der Natur ziemlich nah.
Ein weiterer Grund für so eine Reise liegt wohl in der sportlichen Herausforderung, einer neuen Aufgabe. Zehn lange Flautentage passen dazu natürlich überhaupt nicht. Der Reiseverlauf dieses Abschnittes war durchweg positiv. Der Zusammenhalt der Crew war äußerst harmonisch. Die beiden Mädchen schnatterten den ganzen Tag als hätten sie sich gerade nach zwei Jahren wiedergetroffen und wären nicht schon seit 34 Tagen auf engstem Raum zusammen.
Meine Ungeduld manchmal wird mir hier hoffentlich genauso verziehen, wie sie manchmal im Büro ertragen wird.
