Mittagsposition: 32°07´36 N , 033°18´85 W
noch ? sm bis ?
Wir schwanken noch hin und her und das nicht nur körperlich, sondern auch im Geiste. Wir wissen nämlich nicht so recht, was wolle. Aber machen wir mal der Reihe nach.
Die Nacht auf Samstag sollte, nach Wetterbericht, ANA mit Macht über uns kommen. Sie kam, wie das im Leben manchmal so ist – ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt – ein bisschen später. Die Nacht war also ordentliches Segeln mit Backstagwind und der Möglichkeit, mal wieder zu schlafen. Morgens so um 07.30 kurz vor Wachwechsel denk ich, ich tu dem Peter einen Gefallen und setze noch schnell den Baum, weil der Wind weniger war und die Genua anfing zu schlackern. Ich bin gerade fertig, wieder im Cockpit, da haut es fast das Schiff um. Von einem Augenblick zum anderen pustet so ein Kuhsturm mit 90° Rechtsdrehung. So spontan kann keiner steuern, auch nicht der Windpilot. Baum und Segel schleifen schon durchs Wasser. Schot los. Peter hat’s vom Klo gehauen. Das passt gut, er wird hier oben gebraucht! Der Baum muss weg. Ich wieder aufs Vorschiff. Gut, dass man Hochseilartist gelernt hat. Der Baum ist im Auge der Leeschot gefangen und kommt nicht frei.
Murphy´s Gesetz: Es passiert alles, was passieren kann.
Reff die Genua ! Hol durch die Schot ! So, jetzt kann ich den Palstek der Lee-Schot lösen und der Baum kommt frei. Baum sichern, Leinen klarieren, denn nun gibt es von ANA auf die Mütze. Peters letzte trockene Unterhose ist nun auch nass, passt sich nahtlos der allgemeinen Feuchtigkeit an. 40kt, in Böen gut 45kt bringen Mary mit ca 3m2 Vorsegel tüchtig auf Trab, Richtung WNW zunächst, dann müssen wir weiter abfallen, weil die Schläge auf das Vorschiff brutal sind. Der Stringer, der zusätzlich in Amiland einlaminiert wurde, ist in der Mitte durchgerissen. Die Naht öffnet sich wie das Maul eines Karpfens an der Sonne. Wir verstärken die Schiffswand mit Brettern, die wir hinter die Rohre der Rohrkoje verkeilen. Das funktioniert ganz gut. Der Karpfen hört auf zu atmen. Bis zum Abend pustet es mächtig, dann geht dem bösen Mädchen langsam die Luft aus, und wir können wieder peu a peu ausreffen. Die Welt ist ordentlich aus den Fugen geraten, wenn so’n bankrotter Strolch ungestraft seine Cowboys losschicken kann, um ne Ölquelle zu klauen, dann können auch Wellen machen, was immer sie wollen. Alle wollen zu uns ins Schiff. Von überall kommen sie, nicht so fein geordnet in Reih und Glied wie dein Spargel, Harald, nein, kreuz und quer und ca 5m höher als deine Soße Bearnaise da drauf.
Abends kommt die 1.Routenplanung für Horta und Gibraltar. Für Horta Windstärke 7-8 Bf aus NNW, Wellenhöhe 5-6m. Wir können das Schiff nicht mehr so hart am Wind knüppeln und wollen es selbst auch nicht mehr. Holeschläge bei über 30kt Wind machen bei Wendewinkeln von 160° in dieser hohen, kabbeligen See keinen Sinn.
In Peters Praxis sitzen schon die Patienten in 3er-Reihe. Trotzdem ist er dafür, abzulaufen und direkt Kurs auf Gibraltar zu nehmen. Madeira hat keine Marina und käme deshalb nur in Not in Frage. Wir fallen nur ca 20° ab und trotzdem wird das Segeln wesentlich komfortabler. Mitternacht dann wieder völlige Flaute.
Zumdonnerwetterkrutzifixhalleluja, sind wir denn hier im Kasperletheater? 3m hohe Wellen sind noch da, aber kein Wind. Gibt es das ??? Steckt ANA etwa mit den Nereiden unter einer Decke?
Die Nereiden kennt ihr nicht? Die 50 Töchter vom Neptun? Ja, der hat seine Hände nicht nur in der Tasche. Wenn man bei der Seefahrt über den Äquator fährt, dann kommt eine von denen, die Thetis, mit dem Neptun an Bord des Schiffes, um das Kommando für das Überfahren des Äquators zu übernehmen. Dieser besagten Thetis, die ist übrigens die Mutter vom unverwundbaren – bis auf die Ferse – Achilles, also der muss man vor der Taufe den mit Schmierfett gesalbten Fuß küssen.
Nicht nur das, zusätzlich gegen den Geiz in dieser Welt – schließlich muss ja das Bier dieser Feier bezahlt werden – gibt es Tabletten – im weiteren Verlauf der Reise war kein Tabasco mehr da – vom Doktor oder von Schwester Käthe einen Einlauf usw. Für die, die schon mal äquator-getauft wurden, eine durchaus vergnügliche Feier, denn Neger, Polizisten, der Barbier und der Pfarrer wollen ja auch noch ein bisschen am Spaß teilhaben. Ich glaube, der Standhafteste hat so um die 5 Kisten Bier bezahlt. ja, so hart waren damals die Bräuche.
Jetzt sind wir aber wieder vom Thema abgekommen. Die Nereiden können also, wie man sieht, ziemlich biestig sein. Das hat ja auch die Cassiopeia und ihre Tochter Andromeda, die nun überhaupt nichts dafür konnte, zu spüren bekommen.
Wir halten uns also schön zurück mit unseren Äußerungen, machen den Motor an und fahren, bis der Wind wieder da ist, weiter. Mittlerweise kommt ein neuer Routenplan mit weitaus günstigeren Bedingungen, und deshalb schwanken wir im Geiste.
