Auf See, Freitag der 22.05.2009
Pos.: 38°00,573`N ; 038°33,925`W noch 470 nm bis Horta.
Es gibt wieder was zu berichten,
wo wir jetzt gerade sind, ist Flaute. 3 kt Wind von Süd sind uns aber nach fast 2 Wochen Knüppelei hoch am Wind, immer auf Bb-Bug, sehr angenehm. Der Berufsschifffahrt sei Dank, brauchten wir keinen Diesel an die entmastete SY Galeb abzugeben und haben deshalb noch reichlich von diesem Dieselwind. Mit 2000 min-1 Motordrehzahl verbrauchen wir nicht viel und können zur Not doch noch abgeben. Es breitet sich schnell Kreuzfahrt-Feeling aus. Die Schiffsluken können mal zum Belüften aufstehen, die Geschirr- und Handtücher trochnen. Maria macht zum Vatertag Schweinshaxe mit Bohnen und Kartoffelgratin, zu dem der gute kanarische Weißwein aus dem Tetrapak zu € 0,99 der Liter bestens schmeckt, auch wenn man das nicht so recht glauben mag.
Es schwimmen hier so viele Köder rum, dass ich einen davon unbedingt aus dem Wasser fischen und in Peters Cafe Sport in Horta auf den Tisch stellen muss. Ich peil also einen der größeren Sorte an und versuch mit dem Heck an ihn heran zu kommen. Wir haben ja sonst nichts zu tun. Zuerst machen die Mädels bei dem Spiel mit, aber nach dem 4. oder 5. Versuch geben sie auf. Hör auf, wir wollen nach Horta! Bei mir kommt der Altersstarrsinn wieder mal durch, nix da, aufgeben gibt es nicht, das Ding muss an Bord. Endlich hab ich ihn so angesteuert, dass ich ihn von der Heckkante aus greifen kann. Wieso ist er so weich? Ist doch aus Plastik, oder?

das Plastiktier
Nee, ist er ganz und gar nicht, quicklebendig und blitzschnell schlingt er seine Tentakeln um meine linke Hand und die werden immer mehr. Der ganze „Plastikkörper“ ist voll mit blauer Tentakelmasse, die nach Opfern sucht. Ich schmeiß das Ding an Deck und versuch die blaue Masse von der Hand zu bekommen, funktioniert aber nicht. Wie der Kugelblitz von Vorgestern saus ich nach vorn in die Kombüse. Maria wäscht gerade Geschirr ab, eine Bürste, schnell, viel Spüli auf die Hand und geschrubbt, was das Zeug hält. Die Tentakeln haben sich mit ihren Widerhaken eingegraben, wollen so leicht nicht aufgeben, endlich hab ich sie alle ab. Aber die Hand brennt, als hätte ich sie mit den Kartoffeln zusammen gekocht. Ich ruf MRCC an, der weiß nichts, gibt mir die Tel.Nr von Medico Cuxhafen. Die Ärztin hatte noch nicht viel mit ozeanischem Getier zu tun, will sich aber beim Tropeninstitut und beim Google schlau machen. Nach 20 min ruft sie zurück, portugiesische Galeere, sagt sie, alle Zeichen deuten darauf hin. Der vom Tropeninstitut sagt, alle Taucher hätten Essigwasser im Gepäck. Stimmt, das hat mir Jochen, als er mir vor 25 Jahren das Tauchen beigebracht hat, auch schon gesagt. Tut tüchtig weh, sagt sie noch, ja stimmt, das weiß ich auch, ist aber nicht so gefährlich, wenn es sich auf die Hand beschränkt. Viel trinken, vielleicht auch ein bisschen kotzen, muntert sie mich auf. Ärzte müssen wohl so sein. 10 min später ruft MRCC, Marine Rescue Coordinations Center an und will wissen, ob ich noch am Leben bin. Nicht so schlimm sag ich, tut höllisch weh und ich muss vielleicht kotzen, sagt die Ärztin. Braucht ihr ein Großschiff für weitere Hilfe? Nee, sag ich, ich kotz einfach in einen Eimer. Alles klar, machts gut und weiter eine gute Fahrt.
Essigwasser hilft tatsächlich gegen die Schmerzen, nimm nicht so viel, sagt Maria, wir brauchen es zum Saubermachen. Sie hat ja Recht, ich muss den Forscher in mir ein bisschen mehr unterdrücken.
